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Gastinterview mit einer angehenden Landwirtin

Gastinterview mit einer angehenden Landwirtin

Maria ist 19 Jahre alt, wohnt im Norden und lernt Landwirtin. Kennengelernt haben wir uns, als sie schüchtern vor unserer Tür stand und sich tätowieren lassen wollte. Eine tolle Frau mit einem ungewöhnlichem Berufsziel, so finde ich. Wer will heute noch morgens ab 5 Uhr bis spät abends im Stall stehen, nach Mist riechen und kaum Zeit für anderes, wie Disco, shoppen und Freundeabende haben? Gerade in deinem Alter!

Hallo Maria!

Ja hallo erstmal!

Wie bist du auf die Idee gekommen, so einen, für junge Mädchen, ungewöhnlichen Beruf zu erlernen? Warum nicht Arzthelferin? Oder Notargehilfin?

Ich würde mal von mir behaupten, dass ich noch nie so ein Rosa-Glitzer-Prinzessinnen-Girly war, ich war als Kind im Waldkindergarten und habe mit meiner Familie auf dem Land gewohnt. Da wurde dann auch gern mal mit den großen Geschwistern beim Melken und Füttern beim Nachbarbauern zugeschaut.
Zu Tieren und Natur hatte ich also schon immer einen Draht. Daher wollte ich unbedingt etwas machen, was beides verbindet und kam, auch durch meinen großen Bruder, der begeisterter Lohnunternehmer (und gelernter Landwirt) ist, auf Landwirtschaft.

Wie hat dein Umfeld, Familie und Freunde darauf reagiert?

Meine Familie war von meinem Plan, Landwirtin zu werden, begeistert. Mein ältester Bruder hat auch eine Ausbildung zum Landwirt absolviert, er war natürlich sehr stolz, dass seine kleinste Schwester da nun auch Bock drauf hat und das ist er, glaube ich, nach wie vor.
Meine Freunde haben da gemischt reagiert. Die meisten fanden es super und spannend. Ein oder zwei haben aber auch echt abfällig reagiert, was ich sehr schade fand. Die sind aber seitdem auch nicht mehr meine Freunde.

Man selbst stellt es sich ja immer so niedlich vor, den ganzen Tag mit den Kälbern, Ferkeln und anderen Nutztieren zu schmusen, sie zu streicheln und einfach nur zu knuddeln. In der Realität sieht es wahrscheinlich anders aus. Melken, Stall ausmisten und andere landwirtschaftliche Arbeiten, die so auf einem Hof anfallen. Wie sieht bei dir so ein Arbeitstag aus?

Ich stehe tatsächlich „erst“ um 5.45 Uhr auf, um 6 Uhr wird mit dem Melken begonnen.
Danach wird der Stall fertig gemacht, sprich Tiere füttern, misten und einstreuen.
Nach der Frühstückspause wird bis zum Mittag das erledigt, was so ansteht. Das kann beispielsweise Milch abfüllen sein oder Zäune in Stand setzen, Graskoppeln nachmähen, oder Bodenbearbeitung auf dem Feld.
Nachmittags hole ich die Kühe zum Melken rein, es wird gemolken und die Stallarbeiten werden erledigt. Wenn dann alles durch ist, habe ich Feierabend.

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Hast du dich schon mal über deine Berufswahl geärgert und wolltest alles schmeißen?

Tatsächlich gibt es eine Sache, die mich ein wenig nervt und das ist die Zeit. Zeit habe ich viel zu wenig über. Ich habe zwar eine längere Mittagspause, die aber auch zu kurz ist, um etwas zu unternehmen und abends ist man dann irgendwie so kaputt, dass man nur noch essen, duschen und dann ins Bett fallen kann. Ansonsten ist mir noch nichts passiert, was mich an dieser Berufswahl zweifeln hat lassen.

Was würdest du als deine Lieblingsbeschäftigung während deiner Arbeit bezeichnen?

Am meisten Spaß macht mir, wenn ich die Kälber versorge, denn sie wirken echt immer unendlich dankbar, wenn sie durch das frisch eingestreute Stroh springen oder den Schrot aus der Silage lesen.
Toll finde ich es auch, mit dem Trecker allein aufs Feld „losgelassen“ zu werden, das fordert immer meine Aufmerksamkeit, weil man beim Fahren natürlich aufpassen muss und es mir auch zeigt, dass mir mein Ausbilder seinen Trecker und sein Land quasi anvertraut.

So wie ich es noch in Erinnerung habe, musst du in deiner 3 jährigen Ausbildung an drei verschiedenen Höfen arbeiten. Welche Richtungen hatten/haben die ?

Stimmt genau! Das erste Lehrjahr habe ich auf einem Bioland-Betrieb gemacht, der unter der Diakonie läuft. Der Hof beschäftigt ungefähr 150 Menschen mit Behinderung und hat dementsprechend viele Sparten, sodass jeder seine Stärken nutzen kann. Gemüsebau, Garten- und Landschaftsbau, Baumschule, Pensionspferdehaltung, Mutterkühe, Holzverarbeitung, Hauswirtschaft und Ackerbau.
Das zweite Jahr (welches im Juli 2016 begonnen hat) mache ich gerade auch auf einem Bioland-Hof, allerdings komplett anders – ein kleiner Familienbetrieb mit Milchvieh.
Und fürs dritte Lehrjahr spekuliere ich momentan, was ich noch gern erleben/sehen/lernen würde.

Hast du mit Vorurteilen zu kämpfen? Zum einen wegen deiner Berufswahl zum anderen evtl. als Frau in dieser Branche?

Wie schon erwähnt, habe ich mit abfälligen und beleidigenden Kommentaren vor Beginn meiner Ausbildung von einigen Freunden kämpfen müssen.

Als Frau habe ich bisher noch keine Probleme gehabt. Eher habe ich mir blöde Sprüche über Bio-Landwirtschaft von Azubis von konventionellen Betrieben anhören müssen.

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Wo siehst du die Unterschiede zwischen Bio Bauernhof und konventioneller Land- und Viehwirtschaft?

Ich habe schon das Gefühl, dass das mit den „glücklichen Tieren“ auf Bio-Betrieben nicht einfach nur so ein Gerede ist. Ich glaube, das stimmt tatsächlich. Mir persönlich liegen die Tiere sehr am Herzen und es kann manchmal schon einen großen Unterschied zwischen körperlich gesunden und glücklichen Tieren geben, würde ich mal behaupten. Die Tiere auf konventionellen Betrieben können zwar gesund sein, aber ich frage mich, ob es ihnen in ihrer jeweiligen Haltung dennoch gut geht und sie glücklich sind.
Auch auf den Boden und die Umwelt wird von den „Ökos“ mehr geachtet.

Bist du durch deine Ausbildung und die dadurch gewonnenen Kenntnisse nachdenklicher bezüglich des Konsums von „Landprodukten“ geworden und hat dies evtl. deine Einstellung zu gewissen Erzeugnissen verändert?

Ich bin mittlerweile tatsächlich so weit, dass ich zumindest sage, dass ich kein konventionelles Fleisch oder andere konventionelle Tierprodukte mehr konsumieren möchte. Ich verurteile aber niemanden für das, was er verzehrt. Jedem das seine! 🙂

Wie sehen heutzutage die beruflichen Perspektiven in dem Berufszweig Agrarwirtschaft aus?


Ich würde sagen, dass man als gelernter Landwirt sicher immer irgendwo arbeiten kann, sei es im Ausland oder innerhalb Deutschlands. Aber natürlich kann man sich auch immer weiterbilden. Mit dem Thema habe ich mich aber noch nicht wirklich auseinander gesetzt.

Haben Bio-Höfe weniger unter der momentanen wirtschaftlichen Situation der Landwirtschaft zu leiden oder eher mehr?

Ich vergleiche die beiden Sparten (Bio und konventionell) in dieser Situation eigentlich ungern. Eine sichere Antwort auf deine Frage weiß ich gar nicht. Natürlich bekommt z.B. ein Bio-Milchviehbetrieb mehr Cent pro Liter Milch von der Molkerei bezahlt als der konventionelle. Aber da sind zwischen der Tierhaltung und generell dem Tierwohl wahrscheinlich auch riesige Unterschiede.

Ich denke aber, dass es solche und solche gibt. Viele kleinere Bio-Betriebe geben auf, da sie mit den größeren generell nicht mithalten können.

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Du hast ja noch einen Hof, sprich 1 Lehrjahr, vor dir, was wirst du danach machen?

Das weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht, weil das gefühlt noch so weit weg ist. Oder denkst du schon an Sommer 2018? 🙂

Ich hoffe erst mal, dass ich die Abschlussprüfung bestehe und mich dann „Landwirtin“ schimpfen kann! Im dritten Lehrjahr werde ich mir darüber sicherlich nochmal intensiv Gedanken machen (müssen).

Vielen Dank für deine Antworten.

Liebend gern! Es hat mir wirklich Spaß gemacht, deine Fragen zu beantworten! 🙂

 

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15 Kommentare zu „Gastinterview mit einer angehenden Landwirtin

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