Veröffentlicht in Allgemein, Gefängnis, Inhaftierte

Interview: Brieffreundschaft hinter Gittern Teil I

Brieffreundschaften, wer kennt das nicht? Ich selber habe eine ganz liebe Briefreundin, wir lernten uns auf einer dänischen Insel kennen. Das war 1985, die Freundschaft hält bis heute an. Jahre später, also vor Kurzem, hatte ich wieder Lust bekommen, Briefe zu schreiben. Also, ab in eine BF Gruppe im Internet und schnell fand ich auch eine passende Bekanntschaft.
Irgendwie kam ich dann auf eine Gruppe, eine ziemlich interessante, so fand ich. Brieffreunde mit Inhaftierten. WOW.
Ich muss zugeben, auch ich hatte vor Jahren die Überlegung so etwas zu machen, aber aus verschiedenen Gründen, nie gemacht.
Der größte Grund war schlicht und einfach die Angst! Auch meine Neugierde siegte nicht und das soll bei mir schon etwas heissen!
Schreiben mit einem Verbrecher? Vielleicht sogar mit einem Mörder? 
Auf der einen Seite, bestimmt super super interessant, aber auch sehr emotional. Was, wenn der Mörder in die Todeszelle kommt? Wie geht man damit um? Jeder kennt bestimmt den Film : DEAD MAN WALKING mit Sean Penn. Oh man, was habe ich bei diesem Film geflennt…( Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Eine Nonne sympathisiert mit einem verurteilten Mörder und der Familie der Opfer )
GREEN MILES und andere Filme….. wollte ich das?
Was ist, wenn der Inhaftierte ganz in der Nähe sitzt? Schliesslich hat er meine Adresse…
Ängste ohne Ende. Meine Idee damals warf ich dann über Bord….bis ich diese Gruppe fand. Nein, ich wollte jetzt nicht anfangen mit jemandem zu schreiben, ich wollte von Personen hören, die Kontakt zu Inhaftierten ist, wie es ist! Ob meine Vorurteile wahr sind oder ob ich mich da einfach durch Gerede in den Medien ect verleiten lassen habe es nicht zu tun!?
In der Gruppe fand ich 2 sehr liebe nette Frauen kennen, die mir, so denke ich, gerne ein kleines Interview gaben. Lieben Dank ihr Beide!!!!
Simone, 25 Jahre irgendwo aus Deutschland
Liebe Simone, erst einmal liebsten Dank für deine Zeit und das du überhaupt mit machst, das hat mich echt gefreut.
Erzähl mal, wie kam es dazu, das du Inhaftierten schreibst? Gab es eine Vorgeschichte?
Ich kam dazu mit Inhaftierten zu schreiben indem ich im Internet gesurft habe. Ich hatte schon lange Interesse an Krimis und Gefängnis- Dokus und habe dazu viel im Internet gelesen
Gibt es Adressen? Foren? Oder wie kommt man zu einem BF hinter Gittern?
Durch Zufall stieß ich irgendwann auf Jailmail und hab mehrere Inserate gelesen.  Ich habe einfach das Kontaktformular ausgefüllt ohne Erwartungen und nach ca. 1 Woche war ein Brief da. 
Über Jailmail füllt man ein Kontaktformular aus mit dem Vermerk auf das ausgewählte Inserat eines Häftlings, dieses wird dann an den Häftling weitergeleitet. Daraufhin bekommt er die Adresse und schreibt den ersten Brief.
Ansonsten gibt es gerade für amerikanische Häftlinge verschiedene Websites über die man an Adressen kommt.
Wie war es, als du den ersten Brief vor dir hattest? Hattest du Angst? Man hört ja immer wieder solche Horrorgeschichten, die wahrscheinlich gar nicht stimmen….aber da hat plötzlich ein Fremder, der dann auch noch etwas auf dem Kerbholz hat, deine Anschrift!?
Nein, ich hatte keine Angst.
Hier draussen gibt es genauso viele „schlechte“ Leute wie drinnen. Die dort drinnen können sich aber keine Straftaten mehr leisten, da sie Vorbestraft sind.
Außerdem entstehen nicht alle Taten durch Boshaftigkeit,  oft spielen die Umstände eine große Rolle.
Ok, da hast du Recht. Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Die kommen natürlich bei der dümmsten Kleinigkeit wieder in die Zelle….
Es gab dann bestimmt eine spannende Wartezeit….. Wie lange musstest du auf deinen 1. Brief warten? Dürfen die Inhaftierten jederzeit schreiben? Über was schreibt man so?
Auf meinen ersten Brief habe ich damals 1 Woche gewartet, bei späteren Anfragen dauerte es teilweise aber auch länger.
Schreiben dürfen die Inhaftierten jeder Zeit, wann die Briefe rausgeschickt werden ist aber unterschiedlich. In manchen Anstalten wird die Post gelesen bevor sie raus darf, da dauert es manchmal länger.
Zudem werden in manchen Anstalten nur Montags bis Freitags Briefe weitergeleitet.
Über was man schreibt ist ganz unterschiedlich, hängt vom Charakter des Brieffreundes ab. Ich schreibe mit 6 Leuten und mit jedem führe ich andere Gespräche.
Mein erster Brieffreund interessiert sich sehr für Politik und aktuelle Nachrichten. Zudem ist bei ihm das Thema Vergangenheit und vorallem die Schulzeit immer wieder vorhanden. Wir schreiben aber auch jedes Mal was in unseren Leben so passiert und es ist echt interessant wie sich alles durch die Jahre verändert hat.
Mit 6? Wahnsinn…
Darf ich fragen, was haben deine BF gemacht?
Meine Brieffreunde sitzen wegen unterschiedlichen Dingen.
Mein erster Brieffreund ist mit 17 in seiner Schule Amok gelaufen..
2 andere sitzen wegen Totschlags.
Ui, heftig….aber in den USA ja leider keine Seltenheit mehr….
Wie gehst du damit um? Ist ja nicht gerade ’nur‘ ein Bruch im Laden…
Als mein erster Brieffreund mir von seiner Tat berichtete war ich erstmal sehr mitgenommen.  Ich habe ihn daraufhin gegoogelt und viele Artikel und Bilder gefunden. Er ist mir sehr offen gegenüber und so konnte ich einige Fragen stellen. Mittlerweile sehe ich nicht das Monster aus den Artikeln,  sondern den Menschen der keinen Ausweg mehr fand… Er hat sich in den Jahren sehr verändert und ich denke er wird in der Lage sein ein normales Leben zu führen, mit mir als seiner besten Freundin an der Seite.
Meine anderen Brieffreunde sprechen weniger über ihre Taten, aber ich finde jeder hat eine zweite Chance verdient.
Ich sehe nicht die Tat sondern den Menschen.
Wie hat dein Umfeld reagiert? Gab es Verluste im Freundeskreis durch diesem Thema?
Meine Freunde und Familie waren anfangs kritisch,  gerade auch wegen der Adresse. Gerade meine Mutter wollte alles über meine Brieffreunde wissen und las alle Artikel im Internet.  Sie erkundigt sich ständig mit wem ich noch in Kontakt bin und worüber wir schreiben.
Bei manchen Kontakten sagt sie ständig ich solle vorsichtig sein…
Bei meinem ersten Brieffreund fiebert sie mittlerweile richtig mit und hofft auch das er bald entlassen wird.
Ich kann deine Mutter verstehen…ich habe auch eine Tochter….
Wieviele BF hast du? Und wo kommen sie her?
Ich habe 6 Brieffreunde , überwiegend aus Deutschland, aber auch aus den USA.
Irgendwann hat man bestimmt eine ‚Beziehung‘ aufgebaut. Gab es da auch verliebte Momente?
Verliebte Momente habe ich so nie gehabt,  aber eine enge Beziehung entsteht auf jeden Fall.  2 meiner Brieffreunde sind für mich mit zu meinen besten Freunden geworden.
Man hat ja schon oft gehört, das Frauen sich durchs Schreiben verliebt haben und dann sogar im Gefängnis geheiratet haben…. Kennst du welche, die mit Inhaftierten zusammen gekommen sind?
Ich kenne eine Frau die in einen Mann in der Todeszelle verliebt ist, ja.
Irgendwie ja romantisch….
Hast du persönlich Kontakt, also hast du schon deine BF besuchen können?
2 meiner Brieffreunde habe ich besucht, einen besuche ich sogar regelmäßig.  Er ist in einem Gefängnis in meiner Nähe.
Kamen in der Zwischenzeit schon welche auf freien Fuss? Falls ja, wie war das?
Auf freiem Fuß ist noch keiner, aber einer ist auf einem guten Weg dahin. Er darf mittlerweile 12h am Tag unbegleitet raus und hat ein Smartphone.
Der Kontakt ist noch immer so eng wie vorher und auch wenn wir über whats app schreiben, trotzdem kommt jede Woche ein Brief. Und wir haben schon gesagt: auch nach der Entlassung bleibt der Briefkontakt und wir wollen viel zusammen unternehmen.  Es ist wahre Freundschaft.
Spannend, da hoffe ich doch sehr, das du mir dann noch mal Bescheid gibst;) Ich drück euch die Daumen….
Simone, vielen Dank für deine ehrlichen und offenen Antworten!!!!

Autor:

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14 Kommentare zu „Interview: Brieffreundschaft hinter Gittern Teil I

  1. Liebe Manu,
    ein sehr interessanter Stoff.
    Ich halte einen solchen Kontakt durchaus für denkbar. Für mich gäbe es allerdings eine Einschränkung – Menschen mit Familie sollten vielleicht davon Abstand nehmen.
    Eine Bekannte von mir hatte regelmäßig Kontakt zu einem Häftling. Sie besuchte ihn auch einmal im Monat – erfüllte ihm kleinere Wünsche. Leider kann ich nicht sagen was daraus geworden ist. Wir sind aus Berlin weg und damit endete auch unser Kontakt.
    Ich finde es wichtig, das diese Leute Kontakt zur Aussenwelt haben. Denn sie kommen ja wieder in Freiheit.
    Viele liebe Grüße zu euch Klabauter´s,
    Lilo. 🙋

    Gefällt 1 Person

      1. Ich glaube du könntest so eine BF wirklich händeln. Ich traue es dir jedenfalls zu. Doch es kann auch sehr belastend sein.
        Meine Bekannte war nach jedem Besuch sehr ergriffen. Ich vermute der junge Mann war so eine Art Ersatz für ihren verstorbenen Sohn.

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